Weil ich weiß, dass Medien ihre eigene Realität schaffen, hinterfrage ich heute, wo die Grenzen zwischen Otto-Normal-Leben und Medienwunderland verlaufen. Was macht Otto im Wunderland und wer holt ihn da raus? Die deutsche Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen (LfM) hat vor kurzem eine Studie veröffentlicht, die im Grunde genommen eines bestätigt: Medienmacher nutzen gezielt moralische Grenzüberschreitungen, Abnormales und Verwerfliches, um das Publikum an das Medium und die einzelnen Medienprodukte zu binden.
Dabei befasst sich die Studie vor allem mit Reality-TV-Formaten. Paradebeispiel: Die RTL-Produktion “Mitten im Leben“. Tauscht man Titel der Sendung, Sendeanstalt und Inhalt aus, bleibt der Grundgedanke: alltägliches Leben mit all seinen Abgründen und laienhaft instruierte Darsteller auf stetiger Gratwanderung zum Tabubruch. Laut, schrill, hektisch, dramatisch und überzeichnet ist die wunderliche Welt, die daraus entsteht. Das scheint einer immer größeren Zuschauerschar zu gefallen. Wie kommt das?
In einem Artikel der ZEIT zum Thema Reality-TV behauptet RTL-Chef Gerhard Zeiler: “Die heutige Generation ist viel ungenierter als frühere.” Klar ist, dass sich, bedingt durch die immer offensichtlichere Vermischung von Privatem und Gesellschaftlichem, die Erwartungshaltung beim Publikum geändert hat. Ohne menschlichen, emotionalen und skandalträchtigen Beigschmack lässt sich kaum mehr etwas verkaufen, weil es einfach keine Beachtung findet. Das bestätigt die Medienlandschaft Tag für Tag. Erwartungen auf Seiten des Publikums werden schließlich von Medien erfüllt, die Erwartungen steigen weiter. So verschieben sich die Grenzen des Vertretbaren, der Moral, des Privatlebens verschieben – Das Medienwunderland wird immer wunderlicher. Otto scheint verloren. Vor allem jugendliche Otto-Normal-Verbraucher verlieren sich schnell in den bunt hemmungslosen Inhalten. Laut Jürgen Brautmeier, Direktor der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen gehöre es “zum Alltag der Jugendlichen, anhand dieser Formate Grenzverstöße zu verhandeln” – einfacher: Jugendliche orientieren sich an Medien, definieren ihr Verständnis von Richtig und Falsch zu einem großen Teil anhand der Medien. Dementsprechend kommt den Medienschaffenden “eine hohe moralische Verantwortung zu”, bestätigt Brautmeier.
Für mich und alle anderen heranwachsenden Journalisten und Kommunikationsexperten bedeutet das meiner Meinung nach, nicht blind den Erwartungen einer sensationslüsternen Masse nachzugeben. Wir müssen natürlich “ungenierte” Pioniere sein, die neue Grenzen in der Medienlandschaft ausloten. Gleichermaßen sollten wir aber Grenzposten sein, die mit großem Verantwortungsbewusstsein Wertesysteme, moralische Horizonte und gesellschaftliche Strömungen mitgestalten – und zwar in allen Medien. Für mich ist das der einzige Weg, Ottos aller Altersgruppen nicht im Wunderland zu verlieren und eine für alle vertretbare Realität zu schaffen. Mein guter Freund Niklas, der derzeit Grafik- und Mediendesign in London studiert, fasst diese jugendlichen Grenzgänge in einer abstrakt bunten Collage zusammen:

Ich weiß was, was du nicht weißt.
Weiliewei

4 Gedanken zu “Ottos, Grenzen und das Wunderland

  1. Big.olaf hat am 3. April 2011 at 19:41 gesagt:

    Klatsch,klatsch,super beitrag.weiter so .

  2. Sind nicht alle RTL-Produktionen austauschbar? ;)

    Schön geschriebener Beitrag und freut mich, dass ich als Inspirationsquelle herhalten durfte

    • weiliewei hat am 7. April 2011 at 09:01 gesagt:

      Inspiration ist ja das A und O für einen guten Beitrag. In diesem Sinne nochmal: Dankeschön. Seitdem wir ja jetzt verlinkt sind, werden sich womöglich noch weitere inspirierend kreative Kooperationen ergeben :)

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